Josko Jeraj: „Unser Ziel war es immer, in NRW unseren Hauptsitz zu haben und von hier aus extrem zu wachsen“

Unser Geschäftsführer Josko Jeraj wurde anlässlich eines Forschungsprojekts der RuhrUniversität Bochum interviewt. Das ganze Gespräch über die evocenta GmbH und den Beitrag, den unser Unternehmen als Innovationstreiber zur Stärkung des Wirtschafts- und Wissenschaftsstandorts NRW und insbesondere des Ruhrgebiets leistet, lesen Sie hier:

RuhrUni Bochum: Wie kam es zu der Gründung der evocenta?

Josko Jeraj: „Mit der Gründung der evocenta wollten wir ein Problem lösen, das bei der Evonik Industries AG im Bereich IT-Service-Desk aufgetreten ist. Ich bin ja nicht nur Geschäftsführer der evocenta, sondern in meinem Hauptberuf Bereichsleiter der Operations Management Global IT bei der Evonik. Die Performance einer unserer großen Partner im IT-Service-Desk entsprach leider nicht unseren Anforderungen und Vorstellungen. Daher haben wir nach einem Lösungsweg gesucht, um diese Leistung in der notwendigen Qualität erbringen zu können. Das war die Geburtsstunde der evocenta.

Ein weiteres wichtiges Ziel ist, Arbeitsplätze, die durch das Outsourcing der großen Dienstleister ins Ausland abgewandert sind, wieder zurück in die Region zu bringen. Das ist mit Blick auf die Kosten im Vergleich z.B. zu Indien oder osteuropäischen Ländern natürlich extrem problematisch. Die Lösung hierfür lag auch in der Gründung der evocenta mit unserer KI-Plattform EMMA, die wir gerade aufbauen und zukünftig auch am Markt anbieten werden.

 Durch den Einsatz modernster Technologie können wir neue Arbeitsplätze in Deutschland aufbauen, was gerade für das Ruhrgebiet, das vom Strukturwandel durch den Kohleausstieg besonders betroffen ist, ein großer Gewinn ist. Allerdings können wir natürlich nicht Arbeitsplätze in der Größenordnung, wie sie im Ausland in den großen Call-Centern vorhanden sind, übertragen, aber wir sind in der Lage, 30 bis 40 Prozent dieser Arbeitsplätze hier aufzubauen, indem wir die restlichen durch unsere hochinnovative Technologie ersetzten. Das bedeutet: Effektiv kommen eine Vielzahl neuer, hochqualifizierter Arbeitsplätze zurück in die Region. Wir wollen auch hier in der Region bleiben und wachsen, damit stärken wir die Region und natürlich auch das Land Nordrhein-Westfalen stärken.

RuhrUni Bochum: Kann man sich das so vorstellen, dass die Idee zur evocenta bei Ihnen und Ihrem Partner Uwe Kamann entstanden ist und Sie diese dann bei Evonik auf anderer Ebene an das Unternehmen herangetragen haben? 

Josko Jeraj: Die Idee ist aus der Notwendigkeit und den Qualitätsproblemen heraus entstanden, die wir mit den Dienstleistern bis dato hatten. Da gab es natürlich verschiedenste Überlegungen, wie man das lösen kann. Eine Möglichkeit wäre gewesen, den Dienstleister zu wechseln. Dann hätten wir aber wieder einen großen Dienstleister mit Ressourcen im Ausland einkaufen müssen – mit den immanenten Problemen dieses Modells: mangelnde Sprachqualität, unzureichende Fachkompetenzen etc. Die zweite Lösung wäre ein Insourcing gewesen, ein extrem kompliziertes und kostspieliges Feld, speziell in Deutschland qualitativ hochwertige Ressourcen aufzubauen. Die dritte Option war dann unser Hybridmodell, für das wir uns dann auch entschieden haben und bei dem wir aus unseren Service-Hubs in den Regionen – das sind dann auch Low-Cost-Service-Hubs – insourcen, aber für Deutschland ein Joint Venture gründen. Und  bis dato sind wir damit auch sehr, sehr erfolgreich.

RuhrUni Bochum: Inwiefern profitieren Sie und Ihr Gründungsteam von dem Wissen, das Sie aus anderen Organisationen mitbringen?

Josko Jeraj: Natürlich erheblich. Die evocenta ist ein Joint Venture aus drei Unternehmen: dem Bedarfsträger, der Evonik Industries AG, der K&K Networks mit Sitz in Unna und der früheren SEPICON AG. Diese drei Unternehmen haben das operative Know-how natürlich mitgebracht. Für KI-basierte Lösungen brauchen Sie unendlich viele Daten und die Evonik bringt diese Daten als Bedarfsträger ein.  Die K&K bringt ihr operatives Geschäft mit und die frühere SEPICON AG ihr Beratungsgeschäft in den Bereichen Sourcing, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Diese drei Facetten haben wir in der evocenta vereint und können dadurch eine End-to-End-Kette inklusive der gesamten Leistungselemente anbieten. Wir entwickeln also nicht nur die KI-Plattform, sondern wir liefern auch die gesamte Leistung, inklusive dem Delivering. Das ist ein Modell, das es am Markt in Deutschland aktuell noch nicht gibt.

RuhrUni Bochum: Wie stellt sich die evocenta für die Zukunft konkret auf? Deckt die Zusammenarbeit mit der Evonik den Cashflow?

Josko Jeraj: Die evocenta ist zwar ein Start-up, aber ein ganz besonderes, denn wir haben durch die Zusammenarbeit mit der Evonik einen Fünf-Jahres-Vertrag und sind finanziell solide aufgestellt. Wir wollen unser Geschäftsfeld in dieser Zeit aber natürlich ausbauen. Wir haben jetzt mit einem Feld begonnen, das sich auf das Thema IT fokussiert – IT-Support, IT-Services etc. Die KI-Plattform, die wir bauen werden, wird aber multiindustriefähig sein. Das bedeutet wir werden nicht nur in der IT unterwegs sein, sondern wir können auch „Health“, wir können „Finance“, und wir werden auch andere Bereiche in anderen großen Unternehmen und anderen großen Industrien bedienen können. Wir öffnen uns dadurch auch anderen Unternehmen und dem Markt, so dass wir über den Zeitraum von fünf Jahren – auch dank der Förderung, die wir bekommen haben – stabil dastehen und das Unternehmen weiterentwickeln können.

RuhrUni Bochum: Welche Bedarfe hatten Sie in der ersten Gründungsphase?

 Josko Jeraj: Für uns war unabdingbar, dass wir einen guten Standort finden, der unsere Gründung unterstützt. Denn die Rahmenbedingungen des Standorts sind extrem wichtig – sowohl beim Rekrutieren von Personal als auch mit Blick auf die Möglichkeiten vor Ort: Wie gewinne ich qualifiziertes Personal? Welche Verkehrsanbindungen stehen zur Verfügung? Sind wir zentral gelegen? Gibt es genügend Parkplätze und Kindergärten, etc. Gerade in der IT-Branche sind optimale Rahmenbedingungen natürlich bei der Personalgewinnung entscheidend. Wir waren daher lange auf der Suche. Final haben wir uns dann für Gelsenkirchen entschieden, weil das Engagement durch die Wirtschaftsförderung und die Stadt Gelsenkirchen sehr positiv war. Alle Beteiligten haben sich wirklich extrem angestrengt.

RuhrUni Bochum: Können Sie beschreiben, wie sich die Stadt Gelsenkirchen sich um Sie bemüht hat?

Josko Jeraj: Wir haben uns verschiedene Standorte angeschaut und waren auch mit den Wirtschaftsförderern anderer Städte in NRW im Gespräch. Insgesamt hat uns aber die große Präsenz und Offenheit und die Bereitschaft, uns direkt proaktiv zu unterstützen letztlich überzeugt. Das war in der Tat nicht in jeder Stadt so gegeben. Mit dem Wissenschaftspark in Gelsenkirchen haben wir zudem eine Location gefunden, die mit uns wachsen kann. Wir haben die Option, weitere Flächen zu erhalten, denn unser Unternehmen wächst jetzt schon rasant und unsere Planungen sind expansiv. Es besteht bereits eine Vereinbarung zur Anmietung weiterer Flächen, so dass unser Wachstum für die nächsten zehn Jahre gesichert ist. Hinzu kommt, dass der Wissenschaftspark Gelsenkirchen optimal gelegen ist. Wir haben die Nähe zur Autobahn, wir haben die Nähe zum Hauptbahnhof, die Verkehrsanbindungen sind hervorragend, es gibt soziale Einrichtungen in der Nähe. Wir erhalten auch Unterstützung beim Zuzug von Mitarbeitern aus dem Ausland. Wir haben die direkte Anbindung zur Fachhochschule. Zudem haben wir auch die Nähe und die Partnerschaften zu Universitäten in anderen Städten des Ruhrgebiets.

RuhrUni Bochum: Was haben Sie aus der Gründerperspektive noch dazu lernen müssen? Haben Sie z.B. bei der Gründung Beratung in Anspruch genommen?

Josko Jeraj: Da ich auch in den kaufmännischen Bereichen seit vielen Jahren unterwegs bin und auch schon einiges an Joint Ventures oder auch an Akquisition bei der Evonik durchgeführt habe, war natürlich ein gewisses Maß an Know-how vorhanden. Auch durch die Zusammenarbeit mit meinem Geschäftsführer-Kollegen, Uwe Kamann, der auch viele Jahren Erfahrung als Unternehmer einbringt, waren wir da schon ganz gut aufgestellt. D.h. wir brauchten keine Gründerseminare oder ähnliches. Deshalb ist die Zusammensetzung unseres Joint Ventures sowohl was die handelnden Personen als auch was das Know-How betrifft, optimal.

RuhrUni Bochum:  Arbeiten Sie auch mit der Business-Metropole Ruhr zusammen?

Josko Jeraj: Im Zuge unserer künftigen Forschungsaktivitäten werden wir gemeinsam mit renommierten Forschungseinrichtungen, Universitäten und Hochschulen ein Forschungskonsortium gründen. Dabei arbeiten wir mit den Kollegen der Business-Metropole zusammen.

RuhrUni Bochum: Nehmen Sie sich als eine von mehreren wissensbasierten Gründungen in Gelsenkirchen als etwas Herausragendes, als ein Einhorn, wahr?

Josko Jeraj: Wir sind kein klassisches Start-up, das ganz klein startet. Wir sind in wenigen Monaten schon auf 100 Mitarbeiter angewachsen – und das im Hochtechnologiebereich. Wir machen auch schon im ersten Jahr einen Umsatz von 10 Millionen Euro. Aber wir haben durch den Rückenwind unseres Bedarfsträgers auch ein ganz anderes Setup als die meisten jungen Unternehmen.

RuhrUni Bochum: Wir rekrutieren Sie ihr Personal?   

Josko Jeraj: Es ist heutzutage maximal schwierig, überhaupt geeignete Leute im IT-Bereich zu finden. Aber bis dato haben wir hier sehr gute Erfahrungen gemacht. Auch durch die Diversifizierung der Kanäle funktioniert das sehr, sehr gut. Natürlich rekrutieren wir auch über die Fachhochschule hier in Gelsenkirchen, über die Unis, über Stellenportale usw.

 RuhrUni Bochum: Sie hätten ja auch an ganz andere Standorte in Deutschland oder ins Ausland gehen können, die bspw. noch mehr IT-Absolventen bieten…

Josko Jeraj: Alle drei Unternehmen unseres Joint Ventures kommen aus NRW. Natürlich wollten wir auch die Region stärken – langfristig und auch wirklich nachhaltig.  Und da wir mit dem Land NRW, mit den Ministerien, mit den Wirtschaftsförderern eng zusammenarbeiten, hängen wir natürlich auch an der Region. Unser Ziel war es immer, hier in NRW unseren Hauptsitz zu haben und von hier aus zu wachsen.

RuhrUni Bochum: Sie haben eine gute Betreuung erfahren. Bedarf es trotzdem noch Veränderungen? Was fehlt noch?

 Josko Jeraj: Speziell in Gelsenkirchen mangelt es uns an nichts, aber im Gesamtprozess fehlt es schon ein bisschen an Unterstützung, denn unsere Rahmenbedingungen sind schon etwas anders. Wir haben sehr erfahrene Leute an Bord, die sich auch in dem Umfeld auskennen. Als normales, kleines Start-up hat man andere Schwierigkeiten, insbesondere bei der Finanzierung über Darlehen. Das könnte man schon besser gestalten, besser organisieren und besser orchestrieren. Kleinere Start-ups, die wir in Deutschland auch dringend brauchen, sind dabei häufig ein bisschen verloren, weil sie nicht die Strukturen und das Know-how haben, das wir mitbringen. Ich kenne viele Leute, die aktuell Start-ups gründen, die fühlen sich da schon ein wenig allein gelassen. Wenn Sie grundsätzlich nur über Ihren Bankberater ein KfW-Darlehen aufnehmen können zum Beispiel. Versuchen Sie einmal, einem Bankberater Künstliche Intelligenz zu erkläre: Das ist schwierig. Ich halte es deshalb für sinnvoll, für Start-ups einen Prozess zu finden, bei dem alles aus einer Hand kommt und nicht immer unterschiedliche Institutionen eingebunden werden müssen.

RuhrUni Bochum: Sind die Services und Dienstleistungen, die Sie erbringen hier und auch im restlichen Ruhrgebiet ein Thema?      

Josko Jeraj: So wie sich der Markt gerade entwickelt, speziell auch durch die Corona-Situation, ist die Nachfrage nach IT-Leistungen, speziell nach unseren Leistungen im Bereich Services wie auch künftig im Bereich Security enorm, sowohl in der Region als auch überregional.

RuhrUni Bochum: Welche Art von Kunden sprechen Sie besonders an?

Josko Jeraj: Aktuell sind es hauptsächlich Mittelständler, auch größere Mittelständler, weil der Mittelstand bei Service-Leistungen speziell von US-amerikanischen Großkonzernen natürlich nicht so profitiert. Amerikanische oder auch chinesische Großunternehmen fokussieren sich in der Regel auf große Enterprise-Unternehmen. Auch hier hat der Mittelstand sicherlich noch viel Nachholbedarf – speziell im Bereich Cyber Security.

RuhrUni Bochum: Inwiefern ist Ihr Standort ein KI-Standort? Gibt es ein Fachnetzwerk, KI-Meet-ups oder dergleichen?       

Josko Jeraj: Wir haben mit Blick auf unser Forschungskonsortium, viele, viele Gespräche auch mit den Unis hier in der Region, aber auch mit überregionalen Forschungseinrichtungen geführt. Speziell für KI sind Frankfurt und Berlin sehr präsent. Wir versuchen alle zusammenzuführen und uns intensiv auszutauschen und dieses Wissen auch überregional zusammenzubringen. Noch gibt es keinen KI-Spezialisierungsstandort hier in Gelsenkirchen, aber das wird sich mit der Zeit sicher erweitern. Wenn wir wachsen, werden wir natürlich in der Stadt und in der Region wachsen und so mehr Know-how in diesem Bereich anziehen und auch die Start-ups vor Ort werden einiges an Zulauf bekommen.

RuhrUni Bochum: Was macht Sie so zuversichtlich?

Josko Jeraj: Zum einen haben wir natürlich Rückenwind durch das, was wir bereits geschafft haben. Wenn ich mir überlege, wie lange andere Unternehmen Ressourcen in diesem Bereich suchen – seit einem, zwei, drei Jahren – und wir dies in kürzester Zeit aufgebaut haben, bin ich recht überzeugt. Dafür braucht man natürlich einen Stamm guter Leute – die wir in großen Teilen bereits gefunden haben. Deshalb sind wir sehr, sehr guter Dinge, auch noch mehr gute Leute gewinnen zu können und sie für unsere Idee und unser Unternehmen zu begeistern. Auch das Wachstum in den Städten in der Region – da passiert sehr, sehr viel, auch in anderen Bereichen von Start-ups. Deshalb bin ich sehr sicher, dass wir hier so etwas aufbauen können. Wir sind erst recht frisch gestartet, in kürzester Zeit groß geworden und planen, weiter zu wachsen, eigentlich sogar extrem zu wachsen. Das würden wir nicht tun, wenn wir nicht daran glauben würden.

RuhrUni Bochum: Gibt es Dinge, die Sie sich hier am Standort noch wünschen würden? Vielleicht auch kleine Dinge, die Sie gerne ändern würden?

Josko Jeraj: Aktuell nein. Wir haben einen sehr guten und regelmäßigen Austausch mit der Standortleitung, die hier auch im Gebäude ansässig ist – auch mit der Geschäftsführung des Wissenschaftsparks und mit der Bürgermeisterin und der Stadt Gelsenkirchen. Aktuell sind wir sehr gut unterwegs und im Austausch mit allen relevanten Akteuren. Es läuft sehr gut!

RuhrUni Bochum: Letzte Frage: Inwiefern sind Sie Teil der regionalen Unternehmernetzwerke?  Wollen Sie der Stadt helfen, den Austausch regionaler Unternehmen zu fördern, z.B. durch Start-up Stammtische oder ähnliches?

Josko Jeraj: Wir wollen die Stadt und die Region massiv unterstützen und werden die Vernetzung auch noch angehen. Bisher konnten wir das noch nicht tun, weil wir nur sehr wenig Zeit hatten, das Ganze hier operativ umzusetzen. Wir haben schließlich nicht nur Leute eingestellt und Büros aufgebaut, sondern haben auch ein konkretes operatives Geschäft übernommen. Das sind Leistungen, die wir aktiv erbringen und die auch gemessen werden. Es läuft sehr gut, das muss man wirklich sagen, aber die Anfangszeit war sehr arbeitsintensiv. Das Thema weiterzubringen und sich auch aktiv zu beteiligen, werden wir als nächstes angehen. Wir sind aktuell in einem guten operativen Lauf, die Services laufen, die Mitarbeiter sind da, derzeit sind wir in ruhigerem Fahrwasser und werden uns um Kooperationen und Netzwerke in der Branche kümmern.

 

 

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